Meldung

Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es einen bundesweiten „Tag der Handschrift“ gibt. Es ist der 23.Januar – und im Radio war dieser Tag Anlass für vielerlei Überlegungen zur Bedeutung der Handschrift: obsolet in Zeiten von Computer/Tablet/Smartphone? Einzigartig? Persönlichkeitsbildend? Geeignet zu Rückschlüssen auf Charakter und mentale Verfassung? Viele ModeratorInnen  und AnruferInnen hatten dazu etwas zu sagen.

Nun, bei uns im Laden mit seinem Old-School-Betriebssystem ist die Handschrift tägliche Notwendigkeit auch im 35. Jahr seines Bestehens. Die Buchlaufkarten tragen die Handschriften fast all unserer gegenwärtigen und ehemaligen Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen, Praktikantinnen und Praktikanten. Manches Mal wird gelächelt beim Auftauchen einer Karte jenes Praktikantin, der nicht schreiben konnte, jener Praktikantin, die arabisch anmutende Bögen in lateinischen Buchstaben und Ziffern unterbrachte, über Karten, die uns zeigen, dass ein bestimmtes Buch seit Jahrzehnten lieferbar ist oder eine, die beim Verkauf aus einem Buch genommen wird, welches wir eigentlich nur noch zum Haben hatten und die von jemandem geschrieben wurde, der oder die das zum letzten Mal vor 20 Jahren getan hat. Da sind auch die von Eile, Unkonzentriertheit und auch Unmut bestimmten Schriften auf Zetteln, Rechnungen und Lieferscheinen - und selbstverständlich können wir die alle eindeutig zuordnen (…damit hatte ich gar nichts zu tun, das ist doch …’s Schrift!). Zum Schmunzeln die Verschreiber: aus dem rosa Kaninchen (das Hitler stahl, von Judith Kerr) wird, warum auch immer, das rosarote Kaninchen. Wir hegen und pflegen solche Buchlaufkarten. Denn Handschrift verschwindet bei uns nicht, weil digitale Kommunikation sie ersetzte, wir ihren Gebrauch überholt fänden, weil manches Mal unleserlich, schludrig und fehlerhaft, sie verschwindet, weil die dazu gehörigen Menschen verschwinden und das manchmal für immer.

Der Kronenklauer ist 35 Jahre alt, das 36. beginnt in Kürze, am 3.April 2018. Wir wollten in diesem 35. Jahr eigentlich die „Handschrift“ des Buchladens feiern: die unnachahmliche Art und Weise seiner Bewirtschaftung, seine unverwechselbare Buchauswahl, die Schummer-Beleuchtung, die unbedingt individuellen Formen der Kommunikationen, der Beratungen, der Einstellungen und Haltungen, die unseren Laden ausmachen. Nach dem Tod von Hans im letzten September konnten wir das nicht tun. Damit ist aber auch mein Dankeschön an euch, unsere Kunden und Kundinnen, Freunde und Freundinnen nicht formuliert worden, denn selbstverständlich wollten wir auch euch feiern.  Also: Danke, dass ihr immer wieder kommt, dass ihr unseren Rat schätzt und unsere Kasse füllt. Danke für Freundlichkeit und Geduld, für gute Laune, für Wertschätzung und Gespräch und Kritik. Danke für die Anteilnahme in den letzten Monaten, dafür, dass wir Trauer zeigen durften und ihr nicht an der Ladentür vorbei gelaufen seid.

Jetzt kommt der Frühling, der Sommer und mit unserer neuen Kollegin Sophie auch ein Stück Weiter- oder Neuentwicklung unserer Buchladen -„Handschrift“. Ich freue mich darüber, auch wenn ich, wir – und ihr – mit dem Gedanken an Boyle, an Hans, auf dem Bänkchen vorm Schaufenster sitzen. Selbiges steht nämlich Morgens schon wieder in der Sonne!

 

Wer Lust und Zeit hat, komme am 3.April, das ist der Dienstag nach Ostern, im Laden vorbei! Als Geburtstag-Besuch und zum Anstoßen auf das 36. Jahr, das wir vielleicht feiern … oder das 37.?