Hechtsommer

Anna erzählt von einem Kindersommer in der idyllischen ländlichen Umwelt der 50er Jahre. Sie und die Brüder Lukas und Daniel sind Freunde, die Familien leben auf dem Grundstück eines Schlosses. Gisela, die Mutter der Jungen, ist an Krebs erkrankt. Daniel will verzweifelt den großen Hecht im Schlossbach fangen, denn wenn er es schafft, so seine Überzeugung, wird seine Mutter vielleicht wieder gesund. Tatsächlich gelingt es Daniel mit Hilfe von Lukas und Anna, den Hecht zu angeln, doch die Mutter stirbt.

Jutta Richter erzählt vor allem von der Hilflosigkeit der Menschen dem Sterben gegenüber. Die Erwachsenen üben sich in Ignoranz und versuchen Normalität zu spielen, sie reden nicht oder nur sehr zögerlich über Giselas Krankheit und schon gar nicht über die Möglichkeit, dass sie stirbt. Die Kinder suchen sich ein Konstrukt (den Hecht zu fangen), um überhaupt etwas tun zu können. Wie schwierig es ist, mit dem Tod umzugehen, zeigt sich sehr plastisch in der Angst der Kinder, das Zimmer der Mutter zu betreten. Sie ist fremd geworden, medizinische Geräte sind bedrohlich und die Kinder haben kein Verhaltensrepertoire, um ihr zu begegnen.

Es gibt viele Fragen und wenig Antworten in diesem Buch, es zeigt einfach, was passiert, wenn ein solch gewaltiges Ereignis wie der Tod in eine Lebenswelt einbricht, die kaum Mittel hat, darauf angemessen zu reagieren. Der Tod bleibt fremd, ihm wird nichts von seiner irritierenden Kraft genommen. Es ist die Art, wie Jutta Richter diese Geschichte erzählt, die dafür sorgt, dass keine Endzeitstimmung aufkommt. Sie beschreibt im wesentlichen das Verhalten der Akteure und ihr Bemühen mit der Situation umzugehen, das reicht völlig aus, um ein glaubhaftes, mitfühlendes Bild des Umgangs mit dem Sterben zu zeichnen.

Jutta Richter
Hechtsommer
dtv 2006 124 Seiten € 6,50
ab 9 Jahren