Mama ist gegangen

Kapitel 1 (Seite 5 - 20): Eine intellektuelle Bilderbuchfamilie wird vorgestellt. Vater ist Bildhauer, Mutter ist Dokumentarfilmerin, der eine Bruder ist neunmalklug mit 24 Bänden Meyers Konversationlexikon in der 4ten Klasse intus, der andere Bruder produziert originelle Antworten auf Alltagsfragen am laufenden Band und die kleine Ulla, aus deren Sicht angeblich erzählt wird, hat keine besonderen Attribute, außer das sie alle anderen bewundert.

Kapitel 2 (Seite 21 - 25): Mama wird „von  einer Minute auf die andere“ krank und rasch schwach. Kapitel 2 (Seite 26 - 31): Am Anfang ist „Mama gegangen“ und am Ende begraben. In den restlichen Kapiteln wird im wesentlichen berichtet, dass der Vater nicht gut kochen kann (die nächsten 20 Seiten) und ansonsten an einer Pietà bildhauert und diese dann nach bischöflicher Begutachtung auf einem Domplatz aufgestellt wird (die restlichen 90 Seiten).

Damit deutlich wird, was gemeint ist, einige Zitate: Der Bischof, der sich die Pieta schon mal anschauen will, salbadert im Hause der Familie über Glück in Bezug auf die tote Mutter: „… ich beneide dich um deine Trauer. Dich und deine Kinder. Denn dass ihr unglücklich seid, bedeutet, ihr wart einmal sehr glücklich. …“ und die ca. 15 jährige Freundin des älteren Sohnes bildungsbürgert auf die Frage des Vaters: „Gefällt dir mein Stein?“, folgendermaßen drauflos: „Er ist wunderschön. Die Frau ist nur ein Stein und doch scheint sie zu leben. Sie ist traurig, die Maria, aber sie wirkt auch stolz und kräftig. Ihr Sohn wurde umgebracht, aber sie bringt die Kraft auf weiterzuleben. Sie trauert, aber sie ist nicht verzweifelt. Oder ist das ganz falsch, was ich sage?“ Man erahnt des Bildhauers Antwort.

Dieser Text ist eine Hommage an bildungsbürgerliches Kunstverständnis und beschreibt den Werdegang einer Statue, in die der Tod eines geliebten Menschen als Akzent mit einfließt. Vielleicht beschreibt er noch die Trauerbewältigung eines Bildhauers, dem die Frau gestorben ist, aber was haben die Kinder darin verloren oder warum soll dies ein Text sein, der sich mit Tod und Sterben, und dann noch explizit für Kinder beschäftigt. Sollte dies ein Text sein, in dem beschrieben wird, wie Kinder den Tod der Mutter erleben und verarbeiten, dann hat der Autor schlicht das Thema verfehlt.

Weil dieses Buch oft sehr positiv besprochen wird, soll an dieser Stelle eine andere Meinung zum Zuge kommen

Christoph Hein
Mama ist gegangen
Beltz 2004 146 Seiten € 5,90
ab 11 Jahren