Das Mädchen in Rot

Sophia will ihre Großmutter besuchen. Sie packt Kekse in ihren Rucksack, knöpft den roten Kapuzenmantel zu und macht sich auf den Weg, die Ermahnung ihrer Mutter im Ohr: Pass auf! Geh nicht vom Weg ab!

Roberto Innocenti verlegt dieses Rotkäppchenmotiv in unsere Gegenwart. Der „Wald“ ist eine übervolle, große Stadt. Sophias Weg ist weit, er führt vom Stadtrand aus mitten durch die „Mitte“, eine riesige Einkaufspassage, in der sich auch Sophias Lieblingsschaufenster befindet. Versunken steht davor und prompt findet sie später den richtigen Ausgang nicht und verirrt sich. Jetzt lauern überall Gefahren – eine Gruppe Jugendlicher bedrängt Sophia, aber gerade, als es richtig unangenehm wird, kommt der „Wolf“, gangsterboss-mäßig gekleidet! Erst ist er Retter und Sophia vertraut ihm, dann aber wohl Verbrecher, denn so, wie die Bilder weitererzählen, liegt der Schluss nahe, dass der „Wolf“, Sophia und ihre Großmutter, „gefressen“ hat. Doch dann kommt eine Wende! Im Rückgriff auf die Rahmenhandlung machen die Autoren klar, dass auch diese gegenwärtige Rotkäppchenversion eine Geschichte ist, die so oder so erzählt werden kann. In der Rahmenhandlung lauschen einige Jungen und Mädchen einem kleinen, strickenden Großmütterchen, das im zweiten Anlauf ein glückliches Ende zulässt. Die Mutter schließt ihre Tochter in die Arme.

Das Buch ist überwältigend, sowohl in der farbigen Fülle seiner realistisch anmutenden Bilder, als auch in der Beschreibung der Stadt als Moloch und bedrohliches Umfeld. Nicht zuletzt geht es in diesem Buch um das Erzählen selbst, seine Vielgestaltigkeit, seine Funktion,  Emotionen zu wecken und auch wieder zu beschwichtigen – je nachdem!

Aaron Frisch
Roberto Innocenti (Illustration)
Das Mädchen in Rot
Übersetzung
Ulli Günther, Herbert Günther
Gerstenberg 2013 € 16,95
für die Grundschule